
50 vom Blattfall IV-1407
Die Sonne schien durchs Fenster. Die Vögel zwitscherten ein fröhliches Lied. Nur langsam öffnete ich meine Augen. Ich hatte lange nicht mehr so gut geschlafen. Nur schweren Herzens konnte ich mich von meinem Bett trennen. Ich ging aus der Kammer, hörte Mama, Papa und Maja streiten, Asiel weinte. Was war passiert?
»Wir müssen weiter. Der Winter bricht bald herein. Bis dahin sollten wir ein Zuhause finden«, schimpfte Paupau Mama an.
»Schau dich doch an. So kommst du nicht weit«, antwortete sie.
Auch Maja schimpfte halb in ihrer Sprache, halb in unserer.
»Die Verletzung könnte sich entzünden«, sagte Mama zu ihm.
Dann sagte er was zu Maja in ihrer Sprache. Er klang reumütig, sein Blick war traurig.
Ich verstand noscha. Bürde.
Maja schüttelte den Kopf. »Bleiben könnt, bis wieder dorro sein.«
Papa winkte aber ab. »Sie hat schon genug für uns getan.«
Ich holte tief Luft. Mama nahm mich in den Arm und streichelte mir über die Wangen. Wie gerne wäre ich noch ein paar Nächte hiergeblieben.
Wir konnten so lange schlafen, wie wir wollten. Auf dem Tisch standen so viele leckere Sachen. Es war ewig her, dass ich Marmelade, Käse oder Wurst gegessen hatte. Die Brötchen waren frisch und noch heiß, als ich sie aufschnitt. Sie rochen so gut. Es war tausend Mal besser, als die Würmer, Käfer und Spinnen, die ich die letzten Tage hatte. Sie haben nicht geschmeckt und satt bin ich davon auch nicht geworden. Aber Majas Essen, das war lecker.
Sie packte uns einige ihrer Köstlichkeiten ein. »Proviant«, sagte sie. Papa wollte es nicht. Er wedelte nervös mit den Händen hin und her. So macht er das immer. Maja hatte ihn überzeugt, die Tasche mitzunehmen, wenn wir nicht verhungern wollen.
Maja gab mir ein Buch in die Hand. Ich klappte es auf, dort waren Bilder drin, daneben standen Begriffe. Erst in unserer Sprache, dann in einer anderen. Über einem Kind stand eti, daneben Kind. »Brauchst du«, sagte Maja zu mir. Ich nickte.
So verabschiedeten wir uns von den anderen und gingen mit Maja aus dem Haus. »Upra«, sagte sie draußen zu ihm. Stur.
Dann sagte sie noch ein paar andere Worte zu Papa. Ich konnte nur udasch verstehen. Glück.
Mama und ich sahen ihn fragend an.
»Sie will, dass wir ihr eine Taube schicken, wenn wir ein zu Hause gefunden haben. Sie will uns besuchen kommen.«
Was meinte sie mit einer Taube schicken?
Wir umarmten sie noch eine ganze Zeit lang. Tränen liefen ihr aus den Augen.
Langsam gingen wir den Weg entlang. Papa humpelte. Er kniff öfter die Augen zusammen. Mama sah ihn immer wieder besorgt an.
»Lass uns zurückgehen«, bettelte sie. Doch er blieb stur und schüttelte den Kopf. Er wollte weitergehen. Zapa.
Papa lief immer langsamer, seine Augen wurden feucht. Er winselte. Mama ging zu ihm und hielt ihm am Arm. Wieder schüttelte er den Kopf. Dann sah sie nach unten. Die Binde hatte sich bereits rot gefärbt.
»Ozeana, Asiel! Lauft zurück und holt Maja und die anderen!«, befahl sie mir. Dann sah sie wieder zu Papa.
»Wir müssen weiter!« Er beharrte immer noch darauf, in den Westen kommen zu müssen.
Ich rannte zu Maja und klopfte an die Tür. Schnell öffnete sie diese. Die anderen standen hinter ihr.
»Was ist?«, fragte der einarmige Volpur.
»Papa geht’s nicht gut«, antwortete ich.
»Er hätte hierbleiben sollen. Dein Vater ist ein verdammter Sturkopf!«, schimpfte eine Frau. Ich nickte ihr zu.
Maja sagte etwas und rannte los.
»Sie hat recht, für Vorwürfe ist es zu spät«, sagte die Frau.
Wir rannten zu Mama und Papa.
Papa saß auf dem Boden, Mama hatte sich zu ihm herunter gebeugt. Sie schluchzte. Schnell nahmen sie Papa und trugen ihn den Weg entlang ins Haus. Er winselte immer noch. »Lasst mich gehen! Ich muss nach Westen! Sie verfolgen uns! Sie werden uns töten.«
Maja schüttelte den Kopf.
Sie packte ihn auf den großen Tisch in ihrer Küche. Dann nahm sie eine Schere und schnitt den Verband ab. Dort hatte sich etwas Gelbes gebildet. Es roch süßlich. Mir wurde übel.
»Geh mit Asiel spielen«, sagte Mama zu mir. Ich war neugierig, wollte hierbleiben.
»Geht mit ihnen raus«, sagte der andere Mann.
Ich griff nach dem Buch, dann liefen wir nach draußen. Asiel spielte unbeirrt in dem kleinen Garten hinter dem Haus. Ich saß auf einer alten Bank und blätterte im Buch rum. Da waren Bilder von Essen, Kinder, die spielten, oder ein Mann und eine Frau. Darunter stand rodi, daneben Eltern.
Nach einer Weile legte ich das Buch beiseite, hoffte, dass Papa wieder gesund wird. Ich ging, ums Haus, um durch die Fenster zu spähen, dort sah ich, wie Mama und Maja Papa versorgten.
»Was machst du da?«, fragte mich Asiel. Ich beugte mich zu ihm herunter und versuchte, ihn zu beruhigen.
»Wird Papa wieder gesund?«, fragte Asiel. Ich sah wie in Trance durch das Fenster und zuckte mit der Schulter. »Ich weiß es nicht«, hörte ich mich sagen. Ich nahm ihn an die Hand und ging in den Garten. Die anderen zwei Kinder kamen dazu.
»Wer seid ihr?«, fragte das Mädchen.
Ich stellte mich und Asiel vor. Das Mädchen hieß Venia, sie hatte ihre Mutter verloren. Der Einarmige war ihr Vater. Die Jungs hießen Kelm und Sadab. Ihr Dorf wurde abgebrannt. Sie sahen, wie ihre Mutter vor ihren Augen zu Tode gepeitscht wurde. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, während sie erzählten. Ich dachte an Onkel Owe.
Wir schaukelten und spielten Fangen. Immer wieder sah ich zum Haus. Ich hoffte, dass Papa bald wieder gesund wird.
Als es draußen dämmrig wurde, riefen Mama und Maja uns ins Haus. Alle saßen bereits, an dem, mit Essen gefüllten Tisch. Asiel setzte sich neben Kelm und Sadab, ich neben Mama.
»Wo ist Papa«, fragte ich.
»Er schläft«, antwortete Mama.
»Wird er wieder gesund?«, fragte Asiel.
Mama senkte den Kopf. Maja sah Asiel an und nickte. »Ja«, antwortete sie und lächelte. Mama sah Maja mit gerunzelter Stirn an.
Ich versuchte, etwas zu essen. Alles war so lecker, aber ich bekam nur schwer etwas herunter.
»Iss ’was Kind«, sagte Mama.
»Papa muss gesund werden«, sagte Maja zu uns.
Ich freue mich, heute wieder in dem Bett schlafen zu können. Draußen wurde es immer kälter, aber hier drin war es kuschelig und warm.
»Warum können wir nicht einfach hierbleiben?«, fragte ich. Mama schüttelte den Kopf. »Die Wölfe könnten herkommen und uns finden.« Ich spürte ihre Angst. Maja nickte. »Können aufspüren. Euch gern als Nachbarn hätte.« Sie lächelte uns an, ihre Augen wurden feucht und glänzten im Schein der Kerze, die auf dem Tisch brannte.
Ich verstand es. Aber ich war froh, dass wir noch eine Weile hierbleiben mussten, bis Papa wieder gesund ist.
Am Abend haben wir alle ein Brettspiel gespielt, dann legte ich mich ins Bett. Maja kommt gleich. Sie hat versprochen, mir noch etwas vorzulesen.
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