Tag 7: Der Käfig der Kuriositäten

51 vom Blattfall IV-1407

Ich habe gestern den ganzen Tag in dem Buch gelesen, das Maja mir gegeben hat. Sie half mir, die Wörter zu verstehen, und erklärte mir ihre Sprache. Ich glaube, sie lernte auch etwas von unserer. Sie hatte überall in der Wohnung Zettel verteilt und die Begriffe darauf geschrieben. An dem Onk heftete ein Zettel mit Fenster, auf dem Lot, einer mit Tisch, noch weitere auf einem Schrank und einem Stuhl. Sie hielt ein Biko hoch und sagte Gabel, dann zeigte sie mir noch Bosch und Boka. Messer und Löffel.

Nachdem wir heute Morgen gegessen haben, nahm mir Maja das Buch weg. »Lass uns zum Markt gehen«, sagte sie und lächelte. »Kann dir mehr zeigen.« Ich fragte mich, was das ist. Paupau sagte, es wäre wie ein Basar bei uns. Zusammen zogen wir los. Venia, ihr Vater und der andere Mann begleiteten uns. Sie wollten weiterziehen. Als wir in der Stadt ankamen, verabschiedeten wir uns. Venia gab mir ihre Halskette. Sie umarmte mich, dann verschwanden sie in der Menschenmenge.

Auf dem Markt waren so viele Sachen, die ich nicht kannte. Ich habe noch nie so viele Kräuter auf einmal gesehen. Maja zeigte mir Petersilie, Schnittlauch und Basilikum. Es roch so frisch. Zimt und Anis waren süß und es duftete ein bisschen nach Wald, wie zu Hause. Ich kannte nur Waldmeister, Bärlauch und Wacholder.
Die gab es in Volpa genug. Aber da waren auch Stände mit Schmuck, Kleidern und Essen. So viel Essen gab es zu Hause nicht. Fisch, Käse, Brot, Wurst und Fleisch, erklärte mir Maja. Jeder Stand roch anders. Das Lev dampfte noch vor sich her. Brot.
Am Schmuckstand durfte ich mir eine Kette mit einem Rubin anlegen. Der Mann hinter dem Stand lächelte mich an und nickte mir zu. Maja sagte, das macht er, weil er ja was verkaufen will. Auch dabei sagte sie mir, wie die Dinge in ihrer Sprache hießen.
An der Bude mit den Sachen fand ich ein hellblaues Daschet. Kleid. Es sah so schön aus. Ich durfte es anprobieren. Maja kaufte es mir.

Ein paar Menschen haben uns komisch angesehen.
Während wir über den Platz gingen, sah ich einen Wagen mit einem Gitter. Darüber stand auf einem grünen Schild in blauen Buchstaben Käfig der Kuriositäten. Ich wusste nicht, was das bedeutete, versuchte, es mir aber zu merken, um zu Hause in meinem neuen Buch danach zu suchen.
Dort drin saß ein Volpur zusammengekauert. Um die Hände und Füße trug er Eisenschnallen. Es war ein Mann, sein Fell schien rot hervor. Er schaute mit seinem traurigen Blick zu mir rüber. Seine Augen waren feucht. Ich glaubte, dass er weinte. Wir blieben stehen. Maja sagte, ich soll nicht hingucken. »Menschen grausam.«
Ich nickte.
Vor dem Wagen lief ein dicker Mann mit wenig Haaren hin und her. Er rief etwas zu den Leuten. Ich verstand nur: Kommt, kommt. Haben neue …! Volpuren … gefangen. Dabei rieb er mit einem dicken Stock zwischen den Metallstäben entlang. Das Geräusch klirrte so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.

Maja nahm meine Hand. »Komm Kind, lass weitergehen, Rest Sachen kaufen.« Ich musste immer wieder zu dem Wagen hinschauen, sah, wie der Fremde dort zusammengekauert saß.

Als wir alles hatten, gingen wir nach Hause. Papa saß auf der Couch, er hatte sein Bein verbunden.
»Wir machen dir so viel Arbeit«, sagte Mama.
»Willst Eltern zeigen, was gekauft?« Maja grinste mich an. Ich lief mit dem Korb in mein Zimmer und zog das Kleid an. Ich schaute in den Spiegel, der in der Tür des großen Eichenschranks war und drehte mich. Es sah so toll aus, wie sich das Kleid mitbewegte, und hin und her schwang. Es war so weich und flauschig. Ich lachte das Spiegelbild an und nickte mir zu: Das ist mein neues Lieblingskleid.
Schnell rannte ich zu Mama und Papa. Sie machten große Augen und hatten ihre Münder geöffnet.
»Das kannst du doch nicht machen!« Mama hatte Tränen in den Augen. »Wir fallen dir doch schon genug zur Last.« Maja grinste und schüttelte mit dem Kopf. »Nein, bin glücklich, wenn Freude mache.«
»Wir müssen bald aufbrechen«, sagte Papa. Er sah mit seinem traurigen Blick zum Fenster. »Der Winter kommt immer näher. Wir müssen eine andere Bleibe finden.«
»Wenn kalt, dann ihr hierbleiben«, sagte Maja. Papa aber schüttelte den Kopf. »Nein, das können wir nicht.«

»Schau dein Bein an«, sagte die Mama von Kelm und Sadab. »Es muss richtig verheilen. Ihr werdet den Winter nicht überstehen, wenn ihr so losmarschiert. Wo wollt ihr überhaupt hin?«
Maja sprach weiter: »Hier mal sicher. Ist warm, essen. Sonst große Haus allein. Freue mich, Gäste.« Sie lächelte Papa an, er seufzte, wie er aus dem Fenster sah.
Ich wäre glücklich, wenn wir hierbleiben können. Auch Asiel wollte, dass wir noch bleiben. Er freute sich über mein Kleid. Ich hätte es gerne im Bett angehabt. Aber meine Eltern haben es mir nicht erlaubt. Wir haben den ganzen Tag draußen mit Kelm und Sadab gespielt.

Am Abend, im Bett dachte ich an den Mann von heute Vormittag. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Maja ist eine gutherzige Person. Sie kümmert sich um uns und ist sehr lieb zu mir und Asiel. Doch was ist mit den anderen Menschen. Wir wurden beschimpft und bespuckt, als wir hier ankamen. Auf dem Markt schauten mich manche böswillig an und dann war da ja noch der Alte mit dem Wagen. Warum hat er ihn in dem Käfig gefangen genommen. Warum sind einige so? Sie sind fast wie die Wölfe.
Im Buch fand ich das Wort Käfig und verstand. Kuriositäten verstand ich aber nicht. Ich hätte gern gewusst, was es bedeutet, doch habe ich mich nicht getraut, Maja zu fragen.
Er war nicht böse, aber warum wurde er wie ein Tier darin gehalten. Sein Blick ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wenn ich doch nur helfen könnte. Wenn ich irgendetwas für ihn tun könnte …


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